Homo Sapiens Serpens
(nicht zu verwechseln mit den „Schlangenmenschen“)
Herkunft
Laut mündlichen Überlieferungen stammen Homo Sapiens Serpens aus den entlegensten Tälern des Hohen Atlas. Ihre Vorfahren sollen spezielle Meditationen zur Visualisierung der Bewegungen und dem Häuten von Schlangen praktiziert haben. Über eine unbekannte Folge von Generationen hätten sich ihre Oberkörper verlängert, die Anzahl ihrer Wirbel weiter ausgebildet und die Geschmeidigkeit von Bändern und Sehnen verfeinert.
Es fehlen für diese Entwicklungen allerdings wissenschaftlich belegbare Aufzeichnungen. Die Erzählungen könnten also im Bereich des Mythischen liegen.
Anatomische Merkmale
Belegt ist, dass Homo Sapiens Serpens deutlich längere Torsi haben als gewöhnliche Homo Sapiens und 41 Rückenwirbel. Die Form der einzelnen Wirbel, sowie Sehnen und Muskelaufbau sind offenbar identisch zu denen von Menschen mit 33 Wirbeln. Aber anders als diese haben sie 7 Lendenwirbel und 15 Brustwirbel mit der entsprechenden Anzahl Rippen. Von 7 Sacralwirbeln sind 2 nicht verwachsen. Das Os Ilium des Beckens ist bei ihnen in der Regel stärker ausgebildet, was im Gegensatz zur feingliedrigen Wirkung ihrer überlangen Torsi steht. Ob die Knochen ihrer Arme dem entsprechend ebenfalls länger sind, dazu fehlen uns Daten.
Die anatomischen Bedingungen und Lebensweisen von Menschen mit 33 Wirbeln führen in ihren frühen Entwicklungsstadien vermehrt zu Verkrümmungen der Wirbelsäule, der sogenannte Skoliose, die sich, weil oft übersehen, im erwachsenen Alter nicht mehr zurückentwickeln kann. In bildgebenden Verfahren wirken diese Verkrümmungen zwar wie Momentaufnahmen von wunderbaren Tänzen, aber in der gelebten Wirklichkeit dieser menschlichen Art handelt es sich eher um Versteifungen mit meist schmerzhaften Echos an anderen Stellen des Skeletts und der Muskulatur.
Den Homo Sapiens Serpens erlauben ihre höhere Anzahl an Wirbeln dynamischere und differenziertere Variationen von Bewegungen der Wirbelsäule, auch stärkere Rotation und Seitwärtsneigung. In den wenigen Reisebeschreibungen, die wir dazu ab dem späten 17. Jh. gefunden haben werden ihre Bewegungen mit Schlängeln und Winden verglichen, auch die Bezeichnung Ziehharmonika-Bewegung taucht auf [1]. Heute würden wir dafür vermutlich einen Begriff wie morphen verwenden. Auch hier fehlen uns Beschreibungen wie sich die Arme zu den langen Torsi bewegen.
Lautäusserung
Serpens-Menschen haben zudem eine ungewöhnliche Technik des Äusserns oder Singens von Lauten entwickelt. Spezifische Vokale und Lautfolgen scheinen einzelnen Wirbeln oder Wirbelgruppen zugeordnet zu sein, die auch je nach Bewegungsrichtung differieren. Diese Laute sind zu den Bewegungen mindestens leise hörbar, auch summend, zum Teil pfeifend, zuweilen aber auch sehr deutlich ausgestossen. Dazu sollen sie uns eher fremde, stossartige Zwerchfell-Atmungen praktiziert haben.
Durch die Verbindung von gezielten, auch feinsten Bewegungen einzelner Wirbel, spezifischen Lauten und Atmung werden die Muskelstränge der entsprechenden Wirbel auf besondere Weise aktiviert, was auch der Übersäuerung der Faszien entgegen zu wirken scheint. Es ist denkbar, dass diese besondere Lautpraxis [2] ursprünglich aus Übungen zum Lösen von physischen Blockaden entstanden ist.
Diese Praktiken haben sich offenbar auch auf das Spektrum ihrer Stimmen in Frequenz, Volumen und Dynamik ausgewirkt; sie scheinen tiefer, klarer und weiter zu sein als unsere Stimmen.
Kulturelle Praxis
Vielleicht können wir uns diese ungewöhnliche Verknüpfung von Bewegung und Stimme am ehesten als „Wirbel-Alphabeth“ vorstellen - oder als „Wirbel- Tonleiter“. Deutlich ist, dass die Verbindung von Wirbeln und Tönen von diesen Menschen als „Instrument“ verstanden wurde und intensive Lern- und Übungsphasen von Jung an nötig waren – oder sind –, um diese „Sprache“ zu meistern, ähnlich wie bei den Traditionen des Klassischen Balletts oder des Klavierspielens bei den Homo Sapiens Sapiens.
Soweit bekannt tanzen Homo Sapiens Serpens in Gruppen, aber als Individuen mit eigenen rhythmischen, wellenartigen Bewegungsmustern und individuellen Stimmlagen, die sich in der Gruppe zu polyphonen Lautgesängen steigern können - oder gesteigert haben müssen.
Es könnte sich hier um eine Praxis des abstrakten „Sich-Äusserns“ handeln, die im Zusammenspiel zugleich eine erhöhte Höraufmerksamkeit jedes Individuums erfordert, um die detailliert beschriebenen [3] harmonisch-dynamischen, höchst musikalischen Stimmverwebungen zu erreichen. Ob sie auf diese Weise tanzend-singend auch kollektive Entscheidungsfindungen praktiziert haben, bleibt eine interessante Spekulation.
Das Denken der Homo Sapiens Serpens ist ausgeprägt dynamisch, was ebenso durch ihre kulturelle Praxis und enorme Beweglichkeit beeinflusst sein muss. Ihre Perspektivwechsel im Gespräch waren offenbar atemberaubend. Sie scheinen aber keine Notwendigkeit darin gesehen zu haben, ihre Körpererfahrungen und ihr ungewöhnliches, omni-direktional geprägtes Wissensgut zu verschriftlichen oder gar Ideologien darauf zu begründen. Es gibt deshalb kaum belastbare schriftliche Zeugnisse über ihre Tanz-, Atem- und Gesangspraktiken und Traditionen.
Es bleibt unserer Vorstellung überlassen, welche Entwicklungsstadien diese Menschenart durchlaufen hat zwischen frühen (schamanistischen?) Visualisierungspraktiken, die zu der ungewöhnlichen Anzahl an Rückenwirbeln geführt haben und den (späteren?) polyphon-polymorphen Tanzfesten, von denen wir gelesen haben. Ebenso offen ist, ob das kollektive Tanzen ausschliesslich zu rituellen Festen praktiziert wurde oder, ob es schon immer eine tägliche Praxis des Zusammen-Übens und Denkens war.
Letzteres deutet auf eine säkulare Weltsicht der Homo Serpens hin.
Laut mündlichen Überlieferungen nannten – oder nennen - sie sich selbst Perlenmenschen (Arab. alnaas alluwlu). Wir nehmen an, dass sie Kombinationen von Wirbeln und Lauten mit "Perlen“ von unterschiedlicher Form und Färbung assoziieren. Genaueres ist uns dazu aber nicht bekannt.
Weitere Ausprägungen
Literarisch überliefert ist ihre äusserst hohe Riechempfindlichkeit. Sie könnten Gerüche räumlich viel präziser orten als wir und weisen darin bestimmte Ähnlichkeiten mit den Homo Sapiens Radix auf. Allerdings ist uns bislang nicht bekannt, woher diese erweiterte Riechfähigkeit kommt und in welchem Teil des Körpers sich diese Entwicklung eventuell manifestiert hat. Es gibt Spekulationen, dass sich das sogenannte Jacobsonsche Organ reaktiviert hat (in der Wissenschaft spricht man vom „vomero-nasalen Organ), das sich bei den gewöhnlichen Homo Sapiens vermutlich zurück entwickelt hat.
Homo Sapiens Serpens gelten ausserdem als sehr kälteempfindlich. Ob das einem negativen Aspekt ihrer Assoziationsfähigkeit entspringt, wissen wir nicht.
Weitere Entwicklung
Diese Perlen-Menschen scheinen in ihrer späteren Entwicklung zu Wandernden geworden zu sein. Auf diesem Weg haben sie sich wohl vereinzelt. Oder sie haben sich explizit ins Unübersichtliche zurückgezogen.
Bereits im frühen 18. Jh. tauchen im Osmanischen und Vorderasiatischen Raum Reisende wie Mary Wortley Montagu auf, deren Erscheinungsbilder auf den Bildnissen, die wir von ihnen kennen, verblüffende Ähnlichkeiten mit den Beschreibungen der Perlen Menschen haben. Ob diese Ähnlichkeiten durch die Vermischung der Arten als genetische Merkmale sichtbar geblieben sind oder, ob es sich schlicht um damalige Modetrends gehandelt hat, bleibt auch hier vage wie so Vieles.
Es ist anzunehmen, dass die kulturellen Praktiken der Homo Serpens durch Vereinzelung zunehmend verblasst sind.
Wir vermuten in Caspar David Friedrich einen von ihnen, von dem diese Aussage stammt:
Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen.
Einzelnachweise
- ↑ René Caillié, der französische Afrikaforscher durchquerte 1826 die Sahara vom Timbuktu, um nach Marokko zu gelangen. Auf diesem Weg muss er Station in Siedlungen von Serpens Menschen gemacht haben. Beschreibungen dazu finden sich in seinen unveröffentlichten Reiseaufzeichungen.
- ↑ In der Stimmforschung von Juliane Gabriel lässt sich verstehen wie spezifische Laute gezielt Blockaden lösen und die Stimme erweitern können. Unveröffentlichte Studien, Juliane Gabriel, 2003, Berlin.
- ↑ Der Osmanische Historiker Evliya Çelebi soll in seiner letzten Lebensphase um 1680 herum von Kairo aus Reisen entlang der Nordafrikanischen Küste, sowie ins Atlasgebirge unternommen haben. In seinen “splitters of memory” finden sich Beschreibungen der u.a. Lautpraxis der Homo Sapiens Serpens. Aber diese können auch auf Erzählungen anderer Reisender beruhen. Denn er schreibt auch: Du musst ihn selbst nicht gesehen haben, erleuchtet werden auch, wenn sie in sein Album schauen, die Kenner und die ohne große Gaben. Ein jeder kann sich nach dem Grade seines Wissens laben.