Homo Sapiens Sepia
Physiologische Merkmale
Bei den Homo Sapiens Sepia haben sich farbgebende Bakterien in der zweiten Schicht der Epidermis, in der Stratum Lucidum angesiedelt. In Korrespondenz mit dem Mikrobiom des Magen-Darm Trakts visualisieren diese Bakterien dessen akute Zustände durch Farbveränderungen auf der Hautoberfläche dieser Menschen. [1]
Was bei den Homo Sapiens Sapiens scheinbar unbewusste und eher schwer fassbare innere Zustände sind, wird bei diesen Menschen direkt und sichtbar für alle kommuniziert. Sie erlernen und praktizieren diese Art des „Sprechens“ zusätzlich zur Kommunikation durch Lautsprache, Mimik und Gesten, wie wir sie kennen.
Selbstwahrnehmung und Kommunikation
Die Magen-Hirn Kommunikation fordert eine hohe Konzentration und eine präzise Selbstwahrnehmung, da nicht (immer) kontrolliert werden kann, welche Farbspiele entstehen. Vielleicht müssen wir uns das so vorstellen, als würden wir siamesische Zwillinge in uns tragen, die in einer eigenen Sprache ständig mitsprechen, also, als hätten wir alle zwei, öfters auch konträr denkende Zentren, die wie eigenständige Individuen miteinander und mit anderen Doppelwesen ihrer Art gleichzeitig kommunizieren können. [2]
Jedes Homo Sepia Individuum scheint seine eigenen Besonderheiten im Farbspiel und eine individuelle „Form“ zu entwickeln, die sich schon in jungen Jahren bildet. Auf Grund von welchen Einflüssen dies geschieht, wissen wir nicht. Lokale Zusammenhänge scheinen dabei eine Rolle zu spielen, also etwas, das wir Slang oder Jargon nennen würden.
Kulturelle Praxis
Die beiden Kommunikationsebenen fordern auch von den Gesprächspartnern ein hohes Maß an Übung und Schnelligkeit, da sie sowohl die individuellen Farbspiele ihrer Gegenüber verstehen und lesen lernen, als auch die dazu gesprochenen Inhalte integrieren und zusammenbringen müssen. [3]
Lügen, sagt man uns, sei schwer. Wer es zur Meisterschaft der (Selbst-)Kontrolle bei den Farbveränderungen bringt, könnte die Farbgebung vielleicht willentlich beieinflussen oder sie hin zu einem schwer fassbaren Nebelgrau neutralisieren. Wer aber diese Meisterschaft erreicht hat, würde auch nicht lügen.
Vertiefen sich die Homo Sapiens Sepia ins Gespräch mit anderen ihrer Art, dann scheinen sich ihre Farbspiele temporär zu synchronisieren und ihre Sprechstimmen rhythmisieren sich. [4] Sie praktizieren uns ganz fremde Qualitäten der sparsamen Ernsthaftigkeit, aber auch des plätschernden Plapperns, und sie haben eine ihnen eigene Tradition des inneren Zwiegesprächs entwickelt.
Einzelnachweise
- ↑ Der sogenannte physiologische Farbwechsel wird durch die Veränderung der Lage von Pigmenten innerhalb von Zellen oder durch Veränderung der Gestalt von Farbzellen, den Chromatophoren erreicht. Dieser Wechsel in Färbung und Muster der Körperoberfläche kann sich von einem Augenblick zum anderen vollziehen und dauert bei manchen Arten (z.B. Tintenfischen) nur Sekunden.
In: Lexikon der Biologie. Spektrum Akademischer Verlag, 1999, abgerufen am 29. November 2017.
- ↑ Im Unterschied zu den Sepia-Menschen, haben gewöhnliche Homo Sapiens die Fähigkeit diese andere Ebene der Kommunikation bewusst und aktiv zu praktizieren mindestens „verlernt“.
Walter Benjamin nennt das unterschwellig noch Vorhandene (beim Homo Sapiens Sapiens, Anmerk. d. Red.) das „mimetische Vermögen“ und formulierte 1933 die Frage: ob es sich um ein Absterben des mimetischen Vermögens oder aber vielleicht um eine mit ihm stattgehabte Verwandlung handelt. Benjamin stellt einen Zusammenhang zur Sprachtheorie her. Seine These lautet, dass (…) jene mimetische Begabung, in Schrift und Sprache ihren Eingang fand und als eine „unsinnliche Ähnlichkeit“ besteht. Diese unsinnliche Ähnlichkeit stiftet Verspannungen zwischen dem Gesprochenen, Gemeinten und Geschriebenen. Sprache ist nach Benjamin (…) die höchste Verwendung des mimetischen Vermögens: ein Medium, in das ohne Rest die früheren Merkfähigkeiten für das Ähnliche so eingegangen seien, daß nun sie das Medium darstellt und sich die Dinge nicht mehr direkt (…) begegnen und zu einander in Beziehung treten.
Walter Benjamin, "Über das mimetische Vermögen". In: Gesammelte Schriften II. Band 1., Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977; S. 206–213.Man spricht bei der Kommunikation durch Farbveränderungen auf der Haut auch von „verkörperter Kognition“, oder Embodiment.
(…) Nicht unser Gehirn, sondern unser Körper ist für einen Teil der Gewandtheit verantwortlich, mit der wir mit unserer Welt umgehen. Demnach sind in die Struktur unserer Körper selbst Informationen über die Umwelt (auch Innenwelt ist Umwelt,, zumindest gespiegelte Umwelt; Anmerk. d. Red.) encodiert, (…).
Peter Godfrey-Smith, Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins, Matthes & Seitz Berlin, 2019; S. 91. - ↑ Sepia-Menschen sind eine radikal offene, vielleicht auch etwas unbekümmerte Wesensart. Wir vermuten, dass diverse Gemütsverfassungen sich in ihnen eher nicht festsetzen, weil die schiere Menge an zu verarbeitenden Informationen auf mehreren Ebenen eine hohe Durchlässigkeit erfordert.
Wie ordnen und koordinieren Sepia-Menschen diese verschiedenen Kommunikationsebenen und -inhalte gleichzeitig und kommen zu Schlüssen? fragen wir uns.
Das Substrat zählt, so Antonio Damasio über ähnlich gelagerte, weniger augenscheinliche, aber ebenso komplexe Verarbeitungsprozesse von physiologischen, emotionalen und mentalen Vorgängen der Innen- und Ausseninformationen bei den Homo Sapiens Sapiens.
Antonio Damasio, Feeling and Knowing. Making Minds Conscious, Pantheon Books New York / Hanser Verlag München, 2021. - ↑ Hier liesse sich über die vermutlich angeborene Musikalität der Sepia Menschen spekulieren.
Offene Fragen der „Arbeitsgruppe Homo Sapiens Sepia“
Wittgenstein versteht die Analogien zwischen den Tätigkeiten des Sprechens und des Spielens nicht als oberflächliche, sondern sie verraten ihm eine strukturelle Ähnlichkeit: Systeme der Verständigung (…) will ich ‚Sprachspiele‘ nennen. Sie sind dem, was wir im gewöhnlichen Spiele nennen mehr oder weniger verwandt; Kinder lernen ihre Muttersprache mittels solcher Sprachspiele, und hier haben sie vielfach den unterhaltenden Charakter des Spiels.
Ludwig Wittgenstein: "Eine philosophische Betrachtung", in: Das Blaue Buch. Werkausgabe Bd. 5. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, S. 121.
Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Reclam, Stuttgart, 1795/2000, S. 591–595.
Haftet Sepia-Menschen immer auch Euphorisches, Unübersichtliches und Rauschhaftes an? Gibt es auch für sie „Grenzen der Lesbarkeit“? Was, wenn sie – wie alle Arten – ihr inneres Gleichgewicht verlieren? Bleiben sie dann in unlösbarem Streit zwischen ihren beiden „sprechenden Zentren“ gefangen?
(Stand: November 2024)
Weblinks
Auf der Suche nach Homo Sapiens Sepia