Homo Sapiens Radix
Physische Merkmale
Die Homo Sapiens Radix sind eine gedankliche Symbiose mit den Fähigkeiten von Pilzfäden eingegangen. Ihre Hautporen haben sich in der Dermis vollständig zu olfaktorischen Rezeptorzellen ausgebildet. Über feine bleiche Härchen, die wie winzige Luftwurzeln oder wie Fühler aus der Epidermis ragen, können sie Gerüche und sogar deren chemische Substanzen wahrnehmen.
Das Riechen dieser Menschen ist so verfeinert, dass sie es wie ein „Sehen“ einsetzen können. Es scheint, dass sie Gerüche wie Geschichten lesen können.
Die Homo Sapiens Radix riechen selbst vielleicht auch stärker (oder es kommt ihnen zumindest so vor). Ihre Gerüche tragen sie wie feine Wolken um sich herum.
Lebensgewohnheiten
Ein Radix-Individuum nimmt in alle Richtungen stark wahr, und es kann in viele Richtungen gleichzeitig denken. Es liebt die Nacht, da helles Tageslicht seine olfaktorische und chemische Wahrnehmungsfähigkeit irritiert. Deshalb sieht man diese Menschen tagsüber meist mit geschlossenen Augen herum laufen.
Sie sind eine eher unruhige zarte Wesensart in stetiger Bewegung. Diese Unruhe ist vielleicht vergleichbar mit der „Gänsehaut“ der Homo Sapiens Sapiens. Aber wenn so ein Individuum in eine Erinnerung abtaucht, oder Gleichgesinnte trifft, kann es sehr lange innehalten.
Bei Begegnungen, die lange genug andauern, verbinden sich die Gerüche dieser Individuen zu einem anderen und neuen Geruch. Sind sich zwei solche Menschen angenehm, zeigen ihre Sensillen zueinander; wenn sie sich „nicht riechen können“, fliehen diese in entgegengesetzte Richtungen.[1]
Da sich ihre Gerüche durch Annäherungen an Andere und durch Bewegungen von Ort zu Ort verändern, nehmen sie auch „sich Selbst“ als etwas Wandelbares wahr.[2]
Zeit und Erleben
Zeit scheint in den Vorstellungen der Homo Sapiens Radix keinen linearen Verlauf zu haben. Ob Erinnertes, Imaginiertes oder aktuelles Geschehen und Agieren, sie nehmen alles gleichermassen als gegenwärtig wahr, und Gespräche mit ihnen lassen uns vermuten, dass sie an bereits Geschehenes ebenso wie an ein Vorgestelles Zukünftiges anknüpfen können - als ob es für sie immer viele mögliche Lebenslinien gibt, zwischen denen sie wechseln können.[3]
Night is my favorite Day.[4]
Weitere Spekulationen zur Art
Radix (ver)folgen schwindende, zuweilen auch imaginäre, auch gesponnene Spuren und Geschichten, verblassende olfaktorische Hinterlassenschaften anderer Wesen.
Radix sind suchend und verbindend Riechende, sich in die Welt mäandernd (Ein)Zeichnende oder (Ein)Schreibende. Ihre Spuren bleiben offen, sind ohne Enden, sind immer antizipiertes oder verblassendes Gegenwärtiges.
Der Geruch zieht uns dahin, wo Erinnerung und Möglichkeit miteinander verflochten sind. [5]
Wie viel Radix ist in den Homo Sapiens Sapiens, fragen wir uns.[6]
Einzelnachweise
- ↑ Wenn sie sich „Nahe kommen“ (hier ist räumliche Nähe gemeint und das Mass für „nah“ variiert von Person zu Person), setzt sich die Immunantwort der Beteiligten ausser Kraft. So scheint ein Austausch zur gegenseitigen Stärkung möglich und um Heilungsprozesse zu aktivieren. Ob das „konkret“ via Aerosole stattfindet oder rein energetischer Natur ist, bleibt unbekannt. Die Transformationen von olfaktorischen Wolken sind jedoch konkrete Zeichen dieser Prozesse.
Die Radix scheinen zu riechen, wenn einem Anderen „etwas fehlt“ und halten sich durch diese Art des Austauschs gegenseitig und gemeinsam im Gleichgewicht. Wie wissen sie, ob eine Annäherung „gesund“ ist oder nicht? Für gewöhnliche Homo Sapiens Sapiens bleibt das schwer vorstellbar.
Wir fragen uns auch: Warum praktizieren Radix-Menschen diese Form des Austauschs? Handelt es sich um einen Automatismus, eine menschlich-pflanzliche Form der Empathie, oder konkrete Solidarität? Handelt es sich ausschliesslich um subjektive Annäherungen? Bahnen sich so soziale Übereinkünfte an?
Ob dieses System des Austauschs – oder der Fusion – auch kippen kann, wissen wir nicht. Anzunehmen ist es, da alle Austausch-Kreisläufe kippen können!
Siehe dazu auch: Merlin Sheldrake, „Entangeled Life“, Bodley Head Pengiun, London, 2020; S. 61/62, 348. - ↑ Ibd. S. 59:
Die eigene Identität ist zwar wichtig, aber oft geht das eine Selbst ganz allmählich und in vielen Schattierungen in das andere über. Es gibt deshalb vermutlich auch keine Binarität, sondern unzählige Nuancierungen von dem was Homo Sapiens Sapiens „Geschlecht“ nennen. - ↑ Anna Lowenhaupt Tsing, „The Mushroom at the End of the World“, Princeton University Press, 2015.
Was, wenn nicht unsere Körper, sondern die Gestalt, das Netz unserer Bewegungen im Verlauf der Zeit unsere unbestimmte Lebensform wäre? dieser Satz aus Tsing’s Forschung beschreibt vielleicht am deutlichsten, was wir von den Radix-Menschen lernen könnten: Sie bilden Beziehungs-Netzwerke, in denen sie sich und andere durch Begegnung kontinuierlich umformen. Das Offene und die Unbestimmtheit sind der weiche Kern ihres Verständnis von Leben. - ↑ Emily Dickinson, Letters from Dickinson to Otis Phillips Lord, ca. 1883. (...) night is my favorite Day - I love silence so - I dont mean halt (stop) of sound - (...)
- ↑ Anna Lowenhaupt Tsing, „The Mushroom at the End of the World“, 2015;
- ↑ Welche Art Wesen sind die Radix?
Sheldrake ibd. S. 141; Manche Wissenschaftler benutzen hier den Begriff „Holobiont“. (…) „Ihr“ Zusammenwirken ist immer eine Mischung aus Konkurrenz und Kooperation.
(Zu schreiben „Ihr“, entspringt der Tendenz der Homo Sapiens Sapiens, „Individuum“ als geschlossenes Ganzes zu verstehen. Anmerk. D. Red.)
Eine Gesellschaft von Homo Sapiens Radix dürfen wir uns zwar als holistisch vorstellen, aber nicht als ausschliesslich friedlich.
Siehe hierzu auch:
Lynn Margulis, René Fester (Hrsg.): Symbiosis as a source of evolutionary innovation: Speciation and morphogenesis. MIT Press, Cambridge MA 1991.
Holobiomik - zielt darauf ab Holobionten eines Systems, ihre Eigenschaften und die Wechselwirkungen zwischen den symbiontischen Partnern in ihrer Gesamtheit zu untersuchen.