Detlev Schneider
5.4.2021


Für Aristoteles ist der Kentaur möglich,
für uns nicht, denn die Biologie lässt es nicht zu, ...


… lese ich soeben in Ortega y Gassets Meditationen
über Don Quijote. Das gibt mir einen wichtigen Wink
für unsere Debatte über Virtualität :
beim Virtuellen, dem per Definition "Möglichen,
Ermöglichbaren“, kann es in den Künsten nicht einfach
gehen um die Machbarkeit von etwas, das wir bislang
technisch nur nicht machen konnten und es nun
können.
Es kann nicht nur gehen ums digital erweiterte
Variieren der üblichen Praktiken, Methoden, Regeln
und derer Verhältnisse und Verbindlichkeiten.
Nicht um digital modifizierte Kopien des Üblichen.
Das wäre banal.

Vielmehr geht es um bislang Ungedachtes.
Phantasmagorien, Synapsen, Bilder, Klänge, welche
wir mit diesen Algorithmentechniken überhaupt erst
denken können und komponieren im Wortsinn.
Und es geht darum, warum wir sie ins Kunstwirkliche
überführen wollen. Und wie sie dort wirken können,
um zurückzuwirken auf unsere Einbildungskraft.
Wie sie diese erweitern und vielleicht in Sphären
führen, die bislang in unserer Selbst- und
Weltwahrnehmung nicht vorgesehen waren.
Und um die Demontage vermeintlicher Gewissheiten.
Und darum, wie Unwahrscheinliches zum "wahren
Schein und ernsten Spiel" wird, das Goethe
vorschwebte.
Hier fällt mir der schöne Satz von Peter Greenaway
ein, der Film sei solange noch nicht bei sich
angekommen, solange die Kamera noch durch
das Auge des Kameramanns schaut.
Und Novalis' Wort, das Poetische sei "das echt
absolut Reelle".

So stellt sich mit „dem Virtuellen“ neu die alte Frage,
was die Kunstwirklichkeit sein kann für die
ausserkünstlerischen Wirklichkeiten, für ihre
wirtschafts- und finanzökonomischen
Verwertungskreisläufe, ihre gesellschaftlichen und
politischen Verkehrsformen.

Ob sie deren zweckgesteuerter Routine eine Praxis
des morphenden und flanierenden Imaginierens und
Kommunizierens entgegensetzen kann, die sinnreich
wirkt, gerade weil sie zweckfrei bleibt, - Kern
Kantscher Kunstphilosophe und virulent von Schiller
bis Müller, - uralte ästhetische Diskussion über das
Spiel und das Faktische.
Als dasjenige über das Notwendige hinaus, welches am
allernotwendigsten ist. Eine zeiteingreifende neue
Mythologie.

Wenn wir den Kentaur nicht mehr für möglich halten,
halten wir womöglich unsere Imaginationen nicht mehr
für wirklich, also nicht für wirksam. Das wäre ein
fataler Verlust, und es würde den Künsten nur noch
zuweisen die Ornamentierung der Faktenwelt.
Oder würde, - profaner noch, - Kunst in Dienst nehmen
für die Bewältigung derer je aktueller Dilemmata,
etwa zur ideologischen Ertüchtigung in den sozialen
Verteilungskämpfen.
Kunst wird aber nicht politisch, indem sie die
Konflikte bebildert, die wir in der politischen
Wirklichkeit austragen müssen. Ganz gegenteilig
meint Heiner Müller, sei es die Aufgabe der Kunst,
"die Wirklichkeit unmöglich zu machen".
Das hieße, die Künste nicht zu denken als ein Anderes
der Politik, sondern als Ort, wo die Logik des
Politischen ihrer Grenzen inne wird.

Ortegas Kentaur des Aristoteles erscheint mir dafür als
eine feine Denkfigur.

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