Homo Sapiens Ingluvies 


Auch wenn keine äusseren Merkmale darauf hinzuweisen scheinen, haben die Homo Sapiens Ingluvies (HSI) eine rituelle Verwandtschaft in einer anatomischen Besonderheit von Schmetterlingen gefunden. Sie assoziieren ihre eigenen Fähigkeiten des temporären Ein-Speicherns von Geschichten mit dem so genannten Honigmagen der Schmetterlinge.
Die Homo Ingluvies verstehen ihre Körper als Zwischenspeicher für Welterzählungen und geben sich dafür als deren Übermittlerinnen beutelbildenden Prozessen hin. Sie sind so durchlässig (heute würden wir das emphatisch nennen), dass sie zwischenzeitlich die Verflechtungen mehrerer Zeitschichten in sich tragen, bez. sie ein-körpern können.

Ein Wissen um das Vergehen dieser Fähigkeit war ihnen offenbar ebenso gegeben, denn sie sind uns auch bekannt als Homo Sapiens Lacrimae (Lat. für Tränen-Menschen). Wer ihnen diesen weiteren Namen gegeben hat, und wie sie sich möglicherweise selbst genannt haben, wissen wir nicht.

Es besteht keine Affinität der Homo Ingluvies zu den Beuteltieren (Marsupialia).  


Anatomische Besonderheiten
Bei den HSI hat sich ein uns in dieser Art bislang unbekanntes Zusammenspiel von Zirbeldrüse und Thymusdrüse ausgebildet, welches zur Entwicklung eines teilweise anders gearteten lymphatischen Systems geführt hat. Die nah unter der Haut liegenden Lymphknoten können bei ihnen nach aussen wachsen und bilden sich auch wieder zurück.
Die Zirbeldrüse (auch das dritte Auge genannt) kann bei dieser Menschenart in der Pubertät eine Verlangsamung der geschlechtlichen Entwicklung bewirken. Dadurch scheint sich ein Raum für die Aufnahme und Wahrnehmung anderer Zeitebenen zu öffnen. In ihren Thymusdrüsen werden auch Y-Lymphozyten gebildet. Anders als T-Lymphozyten, die für die Abwehr von Fremdmaterial (infizierten Zellen) zuständig sind, ist die Y-Variante für Aufnahme, Filtration und Transport von unbekanntem Wissen ausgebildet. Dieses anders gewichtete Zusammenspiel der beiden Organe stimuliert bei den HSI die Fähigkeit, zwischen den Zeiten zu wandern und Geschichten in sich anreichern zu können.

Vielleicht hat die zeitweise Aufhebung der Unterscheidung zwischen körpereigenen und fremden Zellinformationen, die diese Entwicklung auch mit sich gebracht hat, später zur Extinktion dieser Art geführt. Dass sie sich während den expansiven Phasen des lymphatischen Systems in einem zumindest leicht fieberhaften Zustand zu befinden schienen, könnte dafür sprechen. Aber das bleiben Vermutungen.


Spekulationen über die transformativen Prozesse des lymphatischen Systems der HSI
Wir könnten uns diese Vorgänge als eine, durch Hyperwahrnehmung bewirkte, Aufnahme von Geschichten ins Gewebe des Körpers vorstellen. Zu Beginn treten, mehrheitlich im Bereich des Torso, eine Vielzahl von beulenartigen Erhebungen auf, die leicht bläulich und transparent wirken. Diese Beulen wachsen birnenartige an, bis sie kleinen Beuteln gleichen. Sie verfärben sich in einem langsamen Prozess von blau über schillernd grün zu gelb und verblassen am Ende des Prozesses mit ihrer Rückbildung.
Die Beutel-Beulen fungieren als Speicher, in denen sich Stoffe anreichern, bis sie erzählt werden können. In dieser Wachstumsphase sind Homo Inglulvies Individuen zurückgezogene Einzelgängerinnen und wirken vermutlich phlegmatisch.
Haben die Auswüchse eine bestimmte Form und Beschaffenheit erreicht, durchläuft dieses Individuum eine längere Phase intensiven Vibrierens bis es endlich sehr leise, mit dunkler, aber schwingender Stimme zu sprechen beginnt. Andere HSI-Individuen gesellen sich zu dieser Stimme. Sie scharen sich wie eine dynamische Traube um den Erzählfluss. Einige lösen sich wieder, andere fädeln sich ein. Ihr Zuhören scheint einem Eintunen in den Fluss und einem Auftanken gleich. Die Erzählspuren wandern weit mäandernd durch Schichten von Zeiträumen. Sie nehmen immer wieder wechselnde Perspektiven ein, in denen es keine erste Person zu geben scheint, und sie gleiten von einem in andere Wesenszustände.

Die Rückbildung dieser körpergewordenen Zwischenträger für narrative Fäden gleicht einem Verdauungsprozess, der sich im Erzählen äussert und kann von längerer Dauer sein. Wieviel Zeit diese Vorgänge insgesamt eingenommen haben könnten, wissen wir nicht.

Wir nehmen an, dass die Anlage zur Beulen-Beutel-Bildung in jedem Ingluvies-Menschen vorhanden war. Dass sie in der Regel in der Pubertät auftrat und die geschlechtliche Entwicklung dieser Individuen physiologisch verlangsamte, bei manchen auch ganz anhielt. Die Körper-Werdung von Geschichten muss physisch höchst anstrengend gewesen sein und liess offenbar keine anderen Wachstumsprozesse zu.
Ob ein Individuum einen solchen Prozess nur einmal durchlief, wissen wir nicht. Aber zumindest einige Wenige scheinen diese Ausprägung bewahrt und mehrfach und bis ins hohe Alter praktiziert zu haben. Diese Menschen blieben ungewöhnlich klein.


Archäologische und literarische Zeugnisse
In welcher Zeit die Homo Ingluvies gelebt haben und wie lange, bleibt unklar.
Einige Venus-Darstellungen aus dem Jungpaläolithikum erlauben die Annahme, dass sie damals schon existiert haben könnten.

Die Kultfigur der Artemis Ephesia ist möglicherweise eine ihrer späteren Darstellungen; auch wenn sich an ihr bereits Zeichen einer gewandelten Zeit manifestieren. Die Figur in Ephesos trägt am Oberkörper mehrere Reihen von Brüsten wie einen körperumfassenden Schmuck.
Von Gérard Seiterle wurde Ende der 1970er Jahre die Interpretation vorgebracht, dass es sich nicht um Brüste, sondern um Stiertestikel handle, die der Gottheit geopfert und angeheftet wurden. Eine weitere Deutung schlägt vor, in den Brüsten kurša-Jagdtaschen zu sehen, die bei den Hethitern kultisch verehrt wurden.
Auch in Darstellungen der Renaissance ist die 'vielbrüstige' Artemis immer eine weibliche Figur, entweder mit eingeschnürten Beinen oder beinlos auf einem Sockel fixiert. Sie steht mal für 'Natur', auch als Abundantia mit dem Füllhorn, mal für 'gezähmte Natur'.
Blumenköpfe aufgereiht auf der Brust mitteleuropäischer Trachtenträgerinnen stellen bis heute eine Verbindung zum Kultbild der Artemis her mit der Vorstellung von Brüsten als einer abnehmbare Garderobe.

In all diesen Zeugnissen lassen sich Verbindungen zu den Homo Sapiens Ingluvies zwar nachvollziehen, aber sie befriedigen nicht. Es zeigt sich in ihnen eher der Verlust der geschichtenanreichernden, durch die Zeiten wandernden Fähigkeiten der Homo Ingluvies und in ihrer einseitig geschlechtlichen Festschreibung eine Verharmlosung und Auslöschung von frühen, egalitären Gesellschaftsformen mit weitwandernder Wissensproduktion.


Theorien zu Evolutionären Restspuren der HSI
Bis ins späte 19. Jh. wurde von einigen Forschern angenommen, dass die bei den Homo Sapiens vorkommende Kropfbildung und auch die Polymastie übrig gebliebene genetische Spuren der Homo Ingluvies sind. Dieser Theorie lag die Annahme zu Grunde, dass es sich bei den Beutel-Beulen um wucherndes Drüsengewebe gehandelt habe. Sie fand Bestätigung darin, dass die biologische Bezeichnung 'Ingluvies' auch für Kropf bei Vögeln und Insekten steht.

Nach heutigem Stand wird davon ausgegangen, dass die epigenetische Speicherung von Traumata ein schattenhaftes Erbe der Ingluvies-Menschen in den Körpern von Homo Sapiens-Individuen ist. Die transgenerationalen Einspeicherungen von blockiertem, verschüttetem oder gänzlich unbekanntem Wissen sind ebenso rätselhaft wie die immer noch nicht völlig geklärte Anreicherung von Wissen in den ausgestülpten Lymph-Knoten der HSI.

Möglicherweise ist auch der Weltschmerz, den Jugendliche in der neueren Geschichte zuweilen so stark empfinden, eine Ahnung im Homo Sapiens von den ganz anderen Potentialen der Welterfahrungen der Homo Ingluvies.


Offene Fragen der 'Arbeitsgruppe Homo Sapiens Ingluvies'
Sind die Transformationsprozesse der HSI einzig physiologisch gesteuert, ähnlich wie die Pubertät bei den Homo Sapiens Sapiens? Oder müssen weitere, uns noch unbekannte Faktoren gegeben sein, damit ein Individuum sie durchlaufen kann?
Sind diese Prozesse individuell steuerbar? Falls 'Wille' einer der Faktoren sein sollte als Auslöser für die Beutelbildung, könnten Einige auch eine individuelle Praxis des Erzählens entwickelt haben? Und wenn ja, wuchs daraus eine Vorstellung von etwas, das wir heute 'Kunst' nennen? Oder stellt sich die Frage nach 'Kunst' oder 'Nicht-Kunst' nicht, da physiologisches, nicht an die eigene Lebenszeit gebundenes Poly-Spezies Erfahren zu einer Ethik führt, die sich von Ästhetik nicht trennen lässt? 

Welche Auswirkungen hätte eine fortgeführte Praxis für die geschlechtliche Entwicklung solcher Individuen? Werden Ingluvies-Menschen in den vielstimmigen narrativen Geflechten zu Teiresias-artig weit sehenden, poly-geschlechtlichen Menschen?
Oder sind die Auswirkungen eher vermehrte Geschlechtslosigkeit und daraus folgend fehlender Nachwuchs und das wiederum der Grund für ihr Aussterben?

Sind diese körperwerdenden Weltwahrnehmungen und ihre Form der Mit-Teilung gesellschaftsbildend?
Welche Art von gemeinschaftlicher Verantwortung wächst aus der, für diese Prozesse notwendigen, physischen Entgrenzung eines Individuums (durch Annehmen der 'Aufgabe', auch temporärer 'Selbstaufgabe') und der nährenden Teil-Habe auf Seiten der Hörenden?
Wie oft oder wie lange muss ein solches „Mit-Hören“ erlebt werden, damit es tragend einverleibt werden kann?
Kann Imagination als physische Erfahrung ein gesellschaftsbildender Faktor sein?

Ist in einem bestimmten Umfeld immer nur Raum für ein Individuum im 'ausgereiften Erzähl-Zustand'? Oder ist ein Chor von Erzählenden denkbar mit Trauben von Zuhörenden, die sich wie Quecksilber dazwischen bewegen?
Wäre eine solche Gemeinschaft noch alltagsfähig? Oder wandelt sich Alltag hier in ein langes Fest?
Werden die Erzählenden gefüttert wie Bienenköniginnen, damit sie durchhalten können?

Wieviel Zukunftswissen hat sich in den HSI angereichert, und sie tragen deshalb auch den Namen Homo Lacrimae?
Ist es dieses Wissen, dass letztlich zu ihrem Aussterben geführt hat? Oder begriffen sie 'Tränen' vielmehr als 'Essenz von Leben' (das Salz des Lebens, Lebensquell, Lymphe)?


Einzelnachweise


 

 

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